Den dreifache Jubelschrei „Ja! Ja! Ja!“ von Dirk Baldinger konnte man bis zum  Marktplatz Meiningen hören, obwohl sein Wagen schon vor dem Ziel abgeleitet worden war. Der Sportliche Leiter von WNT Rotor hatte die „Gelbe“ Kathrin Hammes begleitet, die sich eine Zeit von 26:40 min hätte leisten können, um in der Gesamtwertung vor der Dänin Pernille Mathiesen (Sunweb) zu bleiben. Die Kirchturm-Uhr zeigte 17:05 Meininger Zeit, als Kathrin den Zielstrich überquerte und die Rundfahrt möglicherweise für sich entschied. Die Renn-Uhr stoppte bei 26:33 min und die Teamkolleginnen stimmten ein Freudengeheul an. „Wir haben alle gefiebert und gezittert, das hat fast mehr Kraft gekostet als mein eigenes Rennen“, sagte Lisa Brennauer, die als erste unter 26 min geblieben war. Vor dem  Start hatte sie gemeinsam mit Kathrin den Kurs abgefahren. „Die Haarnadelkurve nach der Abfahrt hat uns erschreckt. Hier Tempo runter, hier kann man nur verlieren. Da waren wir uns einig.“

Kathrin Hammes aus Köln war unterwegs von Zweifeln geplagt: „Ich hatte nie das Gefühl, einen guten Rhythmus zu fahren. Ich dachte immer, daß es noch besser gehen müßte. Und als ich dann im Finale keinen Zeitvergleich bekam, dachte ich schon, das war’s wohl. Und ich war total fertig.“ Kurz vor der Siegerehrung hat ihr aber der Milchreis schon wieder richtig gut geschmeckt. Und das Gelbe LOTTO-Trikot will sie nicht mehr hergeben.

Ellen van Dijk aus dem Nationalteam der Niederlande unterbot den Richtwert von Brennauer deutlich, als sie mit Bestzeit ins Ziel kam. Der letzte Tritt fiel ihr besonders schwer. Der aufs Podium. Sie brauchte zwei Versuche, weil dort Platzmangel herrschte, ein üppiger Präsentkorb hatte sich breit gemacht. Zweimal hatte die Europameisterin von 2018 die schwere Runde über 17,9 km vorher inspiziert. Er begann mit einem 4 km langen Anstieg. „Wow, immer berghoch und so steil“, stöhnte die Zeitfahrsiegerin des letzten Jahres. „Nur gut, daß ich die Linienführung und die passenden Übersetzungen getestet hatte.“ Ellen hatte am Donnerstag auf der 3. Etappe bei einem 15-km-Solo die Zeitfahrhaltung schon mal geübt. Heute wurde sie von ihrer Teamchefin aus dem Auto fast unaufhörlich und laut angefeuert. „Das ist wichtig, vor allem wenn man leidet, was bei mir im Schlußteil schon der Fall war. Ich habe eine solide Leistung abgeliefert, aber keine optimale“.

Bonussprints und Bergwertungen gab es heute nicht, aber die Trikots in diesen Sonderwertungen wurden dennoch überreicht. Das schwarze von Opel Schorr für den besten Kletterer an die Niederländerin Pauliena Rooijmakers (CCC-Liv) und das blau/rote von WNT für die Punkte an Lisa Klein.

Die Gesamtwertung der Rundfahrt scheint besiegelt. Aber Kathrin Hammes hat nur 8 sec Vorsprung, und auf der letzten Etappe morgen in Altenburg gibt es 3 – 2 – 1 Sekunden für die Bonussprints und 10 – 6 – 4 für die drei Etappenersten. Da sind also noch viele Planspiele möglich. Und Rechenbeispiele!

AUTOR: Ulli Jansch
FOTO: Arne Mill