Kalt und schneereich war es in Finnland, wo sich die Südaustralierin Tiffany Cromwell im letzten Winter auf die nun laufende Saison vorbereitete. Der Grund war privater Natur (kommt hier noch zur Sprache), die athletische Ausbeute optimal. Als „Kapitän auf der Straße“ fürs deutsche Canyon-SRAM-Team gestaltete Cromwell, 32, die Frühjahrsrennen so erfolgreich wie lange nicht. Auch bei der LTLT 2021 fuhr sie gleich auf der 1. Etappe in der Spitzengruppe, ihre Startnummer 51 war in den Ergebnislisten immer weit vorn (4 Etappen in den Top 10, in der Gesamtwertung 7.), am eindrucksvollsten aber auf der 2. Etappe im Bild. Tiffany kollidierte auf den letzten 200 Metern in Gera mit einem Absperrgitter, mußte nicht mal absteigen, setzte ihre Rennmaschine ein Stück zurück und fuhr auf der dann freien Straße ins Ziel, mit der gleichen Zeit wie das Hauptfeld.

Ihre Geistesgegenwart und ihr taktisches Geschick im Rennen führten nun dazu, daß Tiffany Cromwell zum Kapitän fürs Australische Olympia-Radteam in Tokio berufen wurde. Das ist fast paradox. Sie hatte zu Saisonbeginn nicht mal geliebäugelt mit einer Nominierung für die Spiele 2021. Sie hatte die Nase voll von dem Stress, der für sie bei drei Olympia-Kampagnen zuvor erfolglos geblieben war. Dabei galt sie bei Ihrem internationalen Karriere-Start als ein besonderes Naturtalent, das speziell auf die Spiele in Peking vorbereitet werden sollte. Aber sie schaffte es nicht, auch in London und Rio de Janeiro war sie nicht dabei. Sie gilt zwar als eine der cleversten Fahrerinnen in ihrem Team, hat aber „nur“ 6 Siege auf dem Konto, darunter eine Etappe bei der LOTTO Thüringen Ladies Tour 2017. „Natürlich war Olympia immer mein Traum, aber nach all den Fehlschlägen hatte ich ihn abgeschrieben“, bekannte Tiffanny, die im kleinen Ort Stirling in der Nähe von Adelaide aufwuchs.

„Ich wollte in dieser Saison eigentlich hauptsächlich Rennen auf Gravel-Straßen fahren. Dann lief das Frühjahr so gut, ich fühlte mich bei der LTLT, wo ich immer sehr gern fahre, gut in Form und auch richtig wohl.“ Das beobachtete auch der Selektionär des australischen Verbandes. Vorgestern bestätigte er ihre Olympia-Nominierung. Diese Überraschung macht Tiffany natürlich glücklich: „Ist das nicht verrückt? Die Sehnsucht nach einer Olympiateilnahme hatte ich verdrängt und andere Pläne für die Zeit der Spiele gemacht. Dadurch gab es aber auch keinen Druck mehr. Und noch ein Faktor spielte gewiß eine Rolle: Ich habe meine Lebensweise geändert, ich fühle mich im privaten Bereich „niedergelassen“ seit ich in einer festen Beziehung lebe.“ Und eben die hat mit Finnland zu tun, der Heimat ihres Freundes Valtteri Bottas, dem zweitbesten Formel-1-Fahrer der letzten beiden Jahre. Dort verbrachte Tiffany – im Gegensatz zur früheren Gewohnheit – einige Monate im Winter. „Ich stieg überhaupt nicht aufs Rad, machte mit anderen Dingen Kondition und die eisige Luft hat vor allem meinen Kopf erfrischt.“