30. Juni 2017 – Der Geraer Reiner Späth, UCI-Kommissär und zehn Jahre Gesamtleiter der Thüringen-Rundfahrt wird heute 85

Straßenrennen ist er nie gefahren. Dafür kann er mit dem Titel eines Thüringer Jugend-Meisters im Kunst- und Gruppenfahren aufwarten. Schon als 17-Jähriger ließ er sich in seiner Heimatstadt Gera kein Radrennen entgehen, faszinierte ihn die Arbeit der Schiedsrichter. Nach weiteren 25 Jahren hatte er die höchste nationale Lizenz als Kommissär des Radsport-Weltverbandes UCI in der Tasche. 1986 musste er als Jury-Mitglied eine seiner schwersten Entscheidungen treffen. Es ging um Olaf Ludwig, wie er aus Gera, wie er Mitglied bei der SG Wismut.

Im Ziel der 12. Etappe hatte Ludwig wie schon in Berlin und Halle die schnellsten Beine, riss die Arme hoch. „Ich hab‘ das immer relativ locker gesehen, auch wenn es den Passus im Regelwerk gab, dass die Hände ans Lenkrad gehören“, sagt er, auch im Abstand der vielen Jahre.

Hatte sich bei Ludwigs Sieg in Berlin vor den Augen der hohen Genossen keiner getraut, etwas zu sagen, wurde er von der Jury in Halle verwarnt – und in Karl-Marx-Stadt sollte es sein. Olaf Ludwig wurde der Etappensieg aberkannt, zunächst eine 30-Sekunden-Strafe ausgesprochen.

Schwere Entscheidung
in Karl-Marx-Stadt

Zuvor war Ludwig-Trainer Werner Marschner zu Reiner Späth gekommen und hatte in seiner hemdsärmlichen Art gesagt: „Mensch, der Olaf hat die Pfoten hoch gehoben!“ Doch zunächst wurde der Zieleinlauf bestätigt, die Siegerehrung mit dem Geraer ganz oben im Fernsehen übertragen. Wenig später tagte die Jury, sah sich den Zielfilm an. Immer und immer wieder. Reiner Späth sprach sich gegen eine Zeitstrafe aus, weil die Friedensfahrt doch sportlich entschieden werden sollte, und nicht per Juryentscheid. „Auf einmal verstand mich keiner mehr, wollte keiner mehr deutsch sprechen. Von Friedensfahrt konnte da keine Rede mehr sein.“

Am nächsten Morgen gab die Jury bekannt, dass Ludwig zwar der Etappensieg aberkannt wird, aber ihm keine Zeitstrafe aufgebrummt wird. In Prag konnte Olaf Ludwig wieder ausgelassen jubeln, hatte die Friedensfahrt vor Wladimir Pulnikow und Asjat Saitow aus der sowjetischen Mannschaft gewonnen. Insgesamt 25-mal begleitete Reiner Späth die Internationale Friedensfahrt als Jury-Mitglied. „Eine schöne Aufgabe, Erinnerungen und Episoden, die man nicht vergisst.“

Auch die Internationale Frauen-Rundfahrt ist eng mit ihm verbunden. Als das erste Mal die ukrainische Mannschaft teilnahm, wunderte sich Späth, als er den Prolog in Zeulenroda freigeben wollte, dass das Team komplett fehlte. Was war passiert? Die Mannschaft hatte in Polen eine Panne, verspätete sich, wusste nicht, wie sie nach Zeulenroda gelangen sollte, aber das Haus der Späths in Gera, das fanden sie. Was blieb Reiner Späths Frau weiter übrig, sie öffnete den Kühlschrank und versorgte das komplette Team. Später ließ ihr Mann das ukrainische Team nach Zeulenroda eskortieren, sortierte die Rennerinnen ins Feld der Rundfahrt ein und ab der ersten Etappe war das Starterfeld komplett.

Von 1992 bis 2002 war er Gesamtleiter der Radtour über Ostthüringens Straßen. „Wir hatten damals das Glück, dass uns die SV SparkassenVersicherung großzügig unterstützte“, sagt er und zieht den Hut vor Vera Hohlfeld, die er in den 90er- Jahren noch als Rennerin erlebte und die die Rundfahrt nun führt. „Sie macht das genau richtig“, sagt er, „die Rundfahrt rollt da, wo die Sponsoren sind. Sie muss mit der Zeit gehen.“ Und die Erfurterin gibt die Blumen gern zurück. Als Rennerin habe sie den Rundfahrtchef eigentlich gar nicht wahrgenommen. „Ich bin Rennen gefahren, und genau das wollte ich – und die Thüringen-Rundfahrt war immer perfekt organisiert.“ Heute weiß sie, was alles dazu gehört, eine Weltcup-Tour auf die Beine zu stellen. Und dass er als Mann, „so eine Leidenschaft für den Frauenradsport aufgebracht hat – fünf Sternchen. Reiner hat Großes geleistet für den Frauenradsport.“ Und auch wenn der Jubilar im Moment gesundheitlich angeschlagen ist, beim Zeitfahren der Rundfahrt in Gera will er wieder an der Strecke stehen.

Bild von Jens Lohse
Reiner Späth lässt sich kein Radrennen in der Region entgehen.